In der Identitätskrise.

Kürzlich meinte ein lieber Kollege bei der Arbeit im Rahmen einer TV-Produktion: „Ich hab‘ deine Beiträge immer gerne gelesen, damals, als du noch geschrieben hast!“. So sehr ich mich diese Worte ehrten, denn immerhin hat der werte Herr keine besondere Affinität zum Ausdauersport und ich hatte ihn dafür auch nicht bezahlt, so schockierten sie mich auch, denn: Perfekt – sie wurden im Tempus der Vergangenheit getätigt. Als würden meine Beiträge so weit zurückliegen wie die Erfindung des Buchdrucks oder aus einer Zeit stammen, in der man beim Fiebermessen nicht Angst vor der angezeigten Temperatur hatte, sondern viel mehr vor dem Fallenlassen des Thermometers mit Quecksilber, oder aber aus der Epoche der letzten Pasta-Party vor einem Rennen. In der Tat fühlt sich die Zeitspanne aber schon beinahe gleich an. Wo wir nun beim Thema wären: worüber schreiben und plaudern, wenn es keine Rennen gibt? Weiters muss man/frau ja auch immer darauf warten, dass einen die Muse küsst und sich mehr oder weniger sinnvolle Textfragmente ergeben. Oft ereilen mich kluge Eingebungen während langer Läufe oder Radausfahrten, jedoch sind mir alters- und/oder anstrengungsbedingt bis zur Ankunft daheim wieder 90% der Ideen entfallen und es bleibt beim vielversprechenden Satz „Ich könnte wieder mal etwas schreiben!“. Immerhin befinde ich mich gerade in der Vorbereitung auf den Ironman Austria oder um die Tempus-Spielerei erneut aufzugreifen: ich befand mich in der Vorbereitung. Ja, an dieser Stelle möge sich die Leserschaft bitte eine Untermalung mit dramatischer Musik im Stile von Law&Order vorstellen, damit diesen Zeilen noch mehr Spannung verliehen wird.

Was war passiert? Verletzung? Musste das Lebensgefährt ob drohender Verschuldung verpfändet werden? Steht Einhorn-Nachwuchs ins Haus (C’mon, realistisch bleiben!)? Passt der rosa Trisuit nicht mehr und ein anderer kommt ja bekannterweise nicht in Frage? Nein zu all diesen Theorien. Aber das vergangene und bis zu einem gewissen Grad auch das aktuelle Jahr haben mir den Flow geraubt. Das Training ohne konkrete Renndaten war bereits im ersten Jahr fordernd und in dieser Zeit habe ich das Leben in der Komfortzone einfach lieben gelernt. Warum ein strukturiertes Training durchziehen, wenn ich auch durch die Landschaft bummeln und unterwegs Ponys und Eselchen „Hallo“ sagen kann?

Quality-Time mit Radl und elegantem Dinieren

Warum verzweifelt irgendwo einen doch noch stattfindenden Triathlon suchen, wenn man in der Nachbarschaft einen lustigen Berglauf machen kann? Anstrengend wurde es auch durch diese sportliche Gestaltung in den letzten Monaten in einem ausreichenden Maße. Ein Koppeltraining hatte ich seit dem letzten Rennen im September 2019 nicht mehr gemacht. Die Vorstellung, gleich nach einer Radausfahrt zu laufen, erschien mir mittlerweile nicht nur als surreal, sondern viel mehr als wirklich widerlich. Schleichend aber doch, begann die Lust auf den einst so begehrten Dreikampf zu entschwinden. Eine Frage drängte sich folglich immer und immer wieder auf: war man denn so überhaupt noch ein adäquater Triathlet?

Ohne Rennen, ohne Schwimmtraining, ohne das stolze Präsentieren des Athletenbändchen für wenigstens ein Wochenende wird der gemeine Triathlet in eine ausgewachsene Identitätskrise gestürzt.

Natürlich könnte man sich nun sagen: na dann fahre eben nur noch Radrennen oder fokussiere dich auf den Laufsport. Dies sind absolut berechtigte Ansätze, aber Hand aufs Herz: frönen wir nicht deshalb dem Triathlon, weil wir eigentlich keine der drei Disziplinen so richtig gut beherrschen?

Ich persönlich kann die Frage nach dem Dasein als Triathletin generell nur schwer beantworten, denn ich habe mich ja faktisch immer nur als lustigen Trottel, der eben auch zufällig mitbadet, radelt und läuft gesehen und weniger als akribisch arbeitenden Triathleten mit Dauerabo auf Kompressionsstutzen. Am Puls der Zeit bleibe ich aber natürlich dennoch und so weiß ich ja, dass die Szene wieder Fahrt aufnimmt, für Profis und ambitionierte Amateure. Blickt man über die Landesgrenzen hinaus, so finden trotz der Cornoa-Situation auch wieder Rennen oder Trainingslager statt und Dank der diversen Livestreams und Social Media wird man mit entsprechendem Bildmaterial geflutet. Interessanterweise ergibt sich bei mir dadurch ein Sammelsurium an Gefühlen, ein Lustwandeln zwischen einem neidischen „Jaaaa, macht ihr nur euren Triathlon, das Leben ist so ungerecht!“, einem unmotivierten „Naja, eigentlich habe ich ja gar keinen Bock mehr und sterben würde ich dabei wohl auch.“ und einem wehmütigen „Waren das damals noch Zeiten… wie cool und fit ich doch war!“

After-Ironman2018-Super-Ich-Bin-So-Cool-Hoch

Irgendwie ist man immer noch ein Teil dieser Lycra-Welt und spätestens, wenn ich neidisch auf jene blicke, die in den letzten sieben Monaten ihr Schwimmtrainings absolvieren konnten (japp, das letzte Mal war ich immerhin im Oktober 2020 im Wasser), so wird mir klar, dass ich a) ernsthaft Hilfe brauche, weil ich das Schwimmen vermisse und b) immer noch Triathletin bin. Nur eben ein wenig unmotiviert.

Schließen wir also den Kreis und kommen auf die eingangs gestellte Frage zurück: warum kein Ironman Austria für das Einhorn in diesem Jahr?
Nun ja, ein Ironman ist für mich persönlich ein Event, für das man absolut brennen muss und sich adäquat vorbereiten sollte. Dass mir der Flow ein wenig fehlt, sollte mittlerweile klar sein und auch die Vorbereitung hat aufgrund der coronabedingten Ungewissheit (Findet das Rennen nun eigentlich statt? Wenn ja, wann eigentlich? Aaargh, wird doch bestimmt wieder abgesagt/verschoben/ich geh schaukeln) und der doch eher „dürftigen“ Schwimmeinheiten (ich denke, dass regelmäßiges Duschen oder Baden hier nicht zählen) ziemlich gelitten. Ein Ironman lebt für mich auch von der Atmosphäre, den Zuschauern und dem sozialen Interagieren mit unzähligen, gleichgesinnt Verrückten. Leider wird dies aber auch im Herbst, dem neu angepeilten Renntermin, wahrscheinlich den vielen Restriktionen zum Opfer fallen.

Aus diesen Gründen habe ich mich dazu entschlossen, erst 2023 wieder einen Start beim Ironman Austria in Angriff zu nehmen und die Gehfäden in diesem Jahr bei ein paar kleineren Rennen im Umkreis zu testen…. Bis das Feuer wieder da ist … also ein richtiges, nicht nur die Flamme einer mickrigen Duftkerze.

Kurz so tun, als wäre man in der Tat fokussiert…

Aber halt, warum erst 2023? Was ist mit nächstem Jahr? Danke, dass ich mir selbst diese durchaus berechtigte Frage stelle! Im nächsten Jahr geht es, sofern endlich wieder etwas Normalität einkehrt, ja zur auf 2022 verschobenen Ironman 70.3 Weltmeisterschaft nach Neuseeland, der ich meine ganze Aufmerksamkeit schenken will.
Aha, ist sie ja wieder, die gute alte Motivation, sie geht scheinbar einfach ab und zu flöten! Somit einigen wir uns, zumindest bis wieder ein großes Rennen ansteht, einfach auf den Terminus „Triathletin auf geringfügiger Basis“.